Auch wenn in den letzten Jahren die Selbstdarstellung in den sozialen Medien als unerlässlich gilt, ist dies eine recht ambivalente Entwicklung. Das Bespielen von Blogs, Facebook, Twitter, Instagram und Mixcloud ist nicht nur enorm arbeitsintensiv, sondern fordert ein strategisch-kontinuierliches Vorgehen, das zusätzlich zur eigentlichen künstlerischen Arbeit geleistet werden muss. Sicherlich unterstützen die sozialen Medien die (nicht zuletzt internationale) Vernetzung der Künstler*innen untereinander und erlauben ein selbstbestimmtes Auftreten. Wirksamkeit (Likes) und Wirklichkeit (tatsächliche Besucher*innen) sind in der Regel aber nicht kongruent. Und der Wert künstlerischer Arbeit sollte sich nicht an ihrer Reichweite messen lassen müssen.
Die Institutionalisierung von Fördermöglichkeiten bedeutet aber auch eine gewisse Form von Ausgrenzung. Nicht jede engagierte Person/Künstler*in ist in der Lage, die Formalitäten antragskonform zu erfüllen – und deswegen ja gewiss nicht weniger engagiert/künstlerisch aktiv. Für die Zukunft könnten vielleicht auch alternative Fördermodelle angedacht werden, die sich nach noch anderen/inklusiveren Kriterien bemessen als offizieller Lebenslauf, Ausstellungs- und Preisauflistungen, „Namhaftigkeiten“.Mangelnde Vernetzung führt zu unnötigen Konkurrenzsituationen im Kampf um Aufmerksamkeit und Fördertöpfe. Der ideale Projektraum ist/war eine Win-win-Situation für Betreiber*innen und Künstler*innen. Beide können neue Experimente starten und neue Modelle ausprobieren unter fairen finanziellen Bedingungen, sprich mit Honorar und Projektfinanzierung/Sponsoren.
Projekträume haben sich auch durch Verdrängung und höhere Mieten in entlegene Kieze und Bezirke verlagert/verlagern müssen. Wir alle sind Teil eines „idealen“ Projektraums, zusammen sind wir höchst heterogen, divers und das größte zusammenhängende Ausstellungshaus in Berlin.
In Berlin hat sich in den letzten zehn Jahren das Verhältnis zu Raum als einer grundlegenden Basis für unser Zusammenleben dramatisch verändert − und zwar aus der Perspektive der künstlerischen Nutzung eindeutig zum Schlechten. Der Profitwahnsinn hat die Stadt seit der Finanzkrise zunehmend erfasst; sowohl global agierende Finanz- und Immobilienhaie als auch viele mittlere und kleine Geldanleger haben Berlin und seine umbauten Räume als handelbare Ware auserkoren mit der Folge, dass die Preise dafür explodiert sind. Die Politik unternimmt dagegen leider nichts wirklich Effektives und scheint daran kaum Anstoß zu nehmen. Darunter leiden in erster Linie die sozial Schwächeren und nicht zuletzt die meisten Kunst- und Kulturschaffenden. Berlin ist im Begriff, seine Ausstrahlung und seinen Nimbus als Anziehungspunkt für experimentelle und innovative Kunstprojekte zu verlieren. Wir hoffen, dass sich weiterer Widerstand gegen diese allgemeine Tendenz gerade auch aus dem Feld der Kunst regt und Berlin weiterhin ein Ort für lebendige und kritische Kunst sein wird.In den letzten zehn Jahren haben sich die Finanzierungsmöglichkeiten von Offspaces der bildenden Kunst sehr weiterentwickelt. Das betrifft nicht nur den Projektraumpreis oder die Basisförderung, sondern auch zum Beispiel die spartenoffene Förderung oder den Topf Präsentationen zeitgenössischer Kunst. Mit einer Kombination aus Getränkeverkäufen, Projektraumpreis, Basisförderung, Spartenoffener Förderung sowie ab und zu Raumvermietung war es uns möglich, unseren Raum zu finanzieren und selbst, ungenügend, entlohnt zu werden. Unsere künstlerisch-kuratorische Arbeit ist tatsächlich, wie der Name schon sagt, Arbeit, die angemessen vergütet werden sollte. Es ist falsch, Offspace-Arbeit ins Ehrenamt zu verdrängen. Hier wird derselbe Fehler wiederholt, der bei Künstler*innen gemacht wird. Jede andere Arbeit wird selbstverständlich entlohnt, nur die künstlerische nicht, da stehen wir noch am Anfang. Und auch bei Offspaces wird erwartet, dass die Menschen, die diese Räume gestalten und als Ressourcen zur Verfügung stellen, gar nichts bis wenig verdienen. Dabei sind Offspaces mit die ersten Anlaufstellen für Künstler*innen in Berlin. Es ist höchste Zeit, Honoraruntergrenzen für freie Kurator*innen und Offspace-Betreiber*innen festzulegen und Offspaces nicht nur als Nice-to-have oder Hobby von beruflich anderweitig beschäftigten oder reichen Menschen zu betrachten, sondern als einen tatsächlich professionellen Lebensinhalt. Dazu gehört auch, kuratorische Arbeit endlich als künstlerisch-publizistisch anzuerkennen und Kurator*innen/Offspace-Betreiber*innen in der Künstlersozialkasse zu versichern.